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Grundversorgung

Tag der Seelischen Gesundheit

Am 10. Oktober ist der internationale Tag der Seelischen Gesundheit. Wir haben unsere Psycholog*innen gefragt, wie sie Klient*innen bei psychischen Problemen unterstützen. 

“In einigen Ländern herrscht weiterhin die Meinung, dass nur “Verrückte” psychologische Angebote in Anspruch nehmen. Es ist interessant: Oft kommen vor allem jene Menschen, die im Heimatland gar keinen Zugang dazu haben“, so eine unserer Psychologinnen. Allen Klient*innen steht bei Bedarf psychologische Betreuung zur Verfügung.

Womit kämpfen unsere Klient*innen?

Depressionen, Angst, posttraumatische Belastungsstörung, oder Schlafstörungen sind die häufigsten Themen, mit denen unsere Klient*innen zu kämpfen haben.

Um zu helfen, wird mit unterschiedlichen psychologischen Methoden gearbeitet. Ist die Therapie innerhalb der Betreuungseinrichtung möglich, werden den Betroffenen beispielsweise Entspannungstechniken näher gebracht und gemeinsam geübt. Erfordert die Diagnose weiterführende oder medikamentöse Behandlung, wird auf bestehende Kooperationen mit psychiatrischen Ambulanzen zurückgegriffen.

Häufig werden aber einfach nur Entlastungsgespräche benötigt: Nachdem diese geführt werden, fühlen sich die Betroffenen schon ein wenig besser. Es gibt immer wieder positives Feedback, die Klient*innen bedanken sich und erzählen, dass die Methoden hilfreich sind bzw. gut tun.

Welche niederschwelligen psychologischen Möglichkeiten gibt es?

Bei Gedankenkreisen, etwa bei Schlafstörungen, kann es hilfreich sein, alle Gedanken vor dem Schlafengehen niederzuschreiben, damit sie “aus dem Kopf draußen sind”.

Eine andere Methode ist der sogenannte “Gedankenstopp” – bei dem man sich bewusst gedanklich oder auch laut “STOP” sagt und sich dabei auch ein Stoppschild vorstellt/visualisiert, sobald belastende Gedanken auftauchen.

Bei Depressionen kann die Methode der kognitiven Umstrukturierung hilfreich sein, bei der versucht wird, negative Gedanken durch einen Wechsel der Sichtweise anders/neu zu bewerten.

Ein Schlüsselerlebnis für unseren Psychologen war es, als er im Einzelgespräch von einem Jugendlichen gefragt wurde: “Warum soll ich eigentlich aufstehen?”

Die psychologische Arbeit mit Jugendlichen

In einer Betreuungseinrichtung, in der minderjährige Jugendliche untergebracht sind, steht vor allem die Aktivierung im Vordergrund. “Es ist schlimm, wenn die Jugendlichen nur im Zimmer herumsitzen und nichts machen, als auf das Handy zu starren”, so unser Kollege.

Eine Tagesstruktur, regelmäßige Workshops und Ausflüge sind daher essenziell – nicht nur, um an die frische Luft zu kommen, sondern auch um eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen.

Kein Vertrauen ohne Beziehung

Je näher man sie kennenlernt, desto mehr Vertrauen wird aufgebaut. Sie öffnen sie sich dann langsam und erzählen ihre Geschichte. Noch besser funktioniert das, wenn Kolleg*innen mit dabei sind, die die gleiche Muttersprache wie die Klienten sprechen. Das Anstupsen/Nudging der Jugendlichen ist sehr wichtig, um sie immer wieder zu motivieren.

Eine weitere Herausforderung für die Jugendlichen ist die Wartezeit auf die Überstellung in ein Landesquartier. Normalerweise sollten sie nur bis zu 6 Wochen in der Bundesgrundversorgung verbringen, häufig ist die Wartezeit jedoch viel länger. Umso wichtiger ist daher eine geeignete Tagesstruktur und ein vielfältiges Betreuungsangebot.

Auch Mobbing kann zu einem Thema werden, das nicht immer gleich angesprochen wird. Die Jugendlichen machen zum Beispiel Angaben auf der Arztstation, die von Psycholog*innen hinterfragt werden – dort reden sie die Situation dann aber schön oder schützen die anderen, etwa mit Worten wie “Das ist ein Freund, der hat das nicht so gemeint.”

Information und Gemeinschaft

Zukünftig soll eine Bibliothek für die Jugendlichen errichtet werden, eine weitere Idee ist die Weiterentwicklung einer Willkommenskultur unter den Klient*innen: Eine Art Buddy-System, bei dem Neuankömmlinge von Gleichaltrigen willkommen geheißen werden. Sie sollen bei der Orientierung unterstützen und auf die Betreuungsangebote aufmerksam machen, sodass sie sich von Anfang an gut integriert und wohl fühlen. Für die “Buddys” eine weitere Art der Beschäftigung, und eine Aufgabe mit Sinn.

“Information und Gemeinschaft gehen miteinander einher und stehen in Wechselbeziehung zueinander”, so unser Kollege.

Identitätsverlust – Wer bin ich in diesem Land?

Klient*innen haben oft essenzielle Fragen zum Thema Identität. In ihrem Herkunftsland waren sie beispielsweise Mutter/Vater und Frisör*in. Jetzt sind sie Asylwerber*innen. Sie fühlen sie sich so, als hätten sie alles verloren und müssten von 0 beginnen. Sie wissen nicht mehr, wer sie hier sind. Die Psyche muss den Verlust der im Heimatland gesprochenen Sprache, der gewohnten Umgebung, dem gewohnten Essen, usw. verarbeiten.

In solchen Fällen wird besprochen, welche Fähigkeiten und Charaktermerkmale die Personen mitgebracht haben und wie sie diese auch hier ausüben können. Darüber hinaus kommen Erziehungsfragen auf, da die Kinder auf die Umstellung reagieren und mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind.

Routine ist wichtig 

Deutschkurse und Workshops sollten regelmäßig stattfinden. Für die Schutzsuchenden ist jeder Tag anders und chaotisch, vor allem wenn sie sich in einem neuen Land befinden. Das kann zu Verwirrung führen. Regelmäßige Angebote sind daher sehr wichtig.

Seelische Gesundheit ist ein Menschenrecht

Das Recht auf Gesundheit ist gesetzlich in den Menschenrechten verankert. Es gilt weiterhin, dieses Thema zu enttabuisieren. “So wie den Arztbesuch”, so Gudrun Rabussay-Schwald, Menschenrechtsbeauftragte der BBU.

 

Es ist etwas ganz normales, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. So wie man bei körperlichen Problemen zum Arzt geht, sollte es normal sein, sich bei seelischen Problemen psychologische Unterstützung zu holen.

“Viele der Menschen befinden sich in einem Ausnahmezustand, begleitet von unterschiedlichsten Emotionen wie Traurigkeit, Aggression oder Zurückgezogenheit.” so Gudrun Rabussay-Schwald, Menschenrechtsbeauftragte der BBU.

Nähe und Distanz

Da unsere Kolleg*innen empathisch sind, ist es umso wichtiger, sich auch entsprechend abzugrenzen. Im Umgang mit Klient*innen ist es daher sehr essentiell, auch gut auf sich selbst aufzupassen. Menschenrechtsarbeit beginnt bei uns selbst: “Nur wer gut auf sich selbst aufpassen kann, kann gute Menschenrechtsarbeit leisten”, so Gudrun.

Fotocredits:  Finn / Unsplash; Sasha Freemind / Unsplash; Denys Nevozhai / Unsplash; Elisa Ventur / Unsplash; Gerd Altmann auf Pixabay, Joshua Hoehne / Unsplash

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