Von seiner Familie getrennt zu sein, kann wehtun. Noch schmerzhafter ist es, den Kontakt ungewollt zu verlieren. Das passiert Menschen auf und während der Flucht. Am 30. August, dem UN-Gedenktag für Verschwundene, wollen wir auf ihr Schicksal aufmerksam machen und uns bei unseren Kooperationspartner, dem Roten Kreuz, bedanken.
Wo ihre Mutter ist, wissen die beiden Mädchen und ihr Bruder nicht. In Serbien wurden die Kinder von ihrer Mama und ihren jüngeren Geschwistern getrennt, das Handy wurde ihnen abgenommen. Schlepper nahmen die drei in einem Auto mit, der Rest der Familie fuhr in einem anderen Auto weg. In Traiskirchen kümmern sich unsere Kolleginnen um die Kinder. Die Mädchen sind unter 14 Jahre, der Bruder ist 16 Jahre alt.
„Wir haben die Kinder gefragt, ob wir das Rote Kreuz kontaktieren sollen. Es hilft bei der Suche vermisster Angehöriger auf der Flucht.“
Dafür nutzt die österreichische Organisation ihre Kontakte zum Roten Kreuz und zum Roten Halbmond anderer Länder. Die Suche ist dennoch extrem schwierig, vor allem in Ländern wie dem Kongo oder Somalia, in denen es kaum Verkehrs- oder technische Infrastruktur gibt und oft keine richtigen Adressen. Geflüchtete Menschen können auch die Plattform „Trace the Face“ benutzen.
"Das Rote Kreuz leistet wirklich Enormes. Die Kolleg*innen sind mit Mitarbeiter*innen weltweit in Kontakt, um herauszufinden, wo die Angehörigen sein könnten. Dabei gehen sie auch äußerst sensibel vor. Oft dürfen zum Beispiel Nachbar*innen oder andere Verwandte nichts davon wissen, wo etwa die Tochter ist."
Gibt es keine Adresse, suchen die Mitarbeiter*innen Anhaltspunkte: eine Schule, eine Kirche oder eine Moschee. Was Birgit besonders beeindruckt: „Das Rote Kreuz bleibt dran, die Mitarbeiter*innen geben nicht auf.“ Finden sie die*den Vermisste*n, fragen sie nach, ob die Person überhaupt Kontakt aufnehmen möchten. Erst dann werden die Personen miteinander verbunden.
„Wir haben mit der Kollegin vom Roten Kreuz Tulln, und mit der Kinder- und Jugendwohlfahrt Baden extrem engagierte und kompetente Partner*innen, die unsere Klient*innen und uns unterstützen“, betont Birgit. Sie und ihre BBU-Kolleg*innen informieren bei Vermissten-Anfragen Minderjähriger die Kinder- und Jugendwohlfahrt.
So etwa im Fall zweier Kinder aus Afghanistan. Sie kamen mit Onkel, Tante und Cousin nach Österreich, hatten die Eltern auf der Flucht aber verloren. „Der Onkel sagte, es gäbe einen Opa in Österreich. Dank der Hilfe von Martin Wöhrer haben sie ihn gefunden. Die Freude, mit der die Kinder dem Großvater auf unserem Parkplatz entgegenliefen, war riesig. Ich musste aufpassen, dass sie nicht direkt ins Auto rennen.“
Ganz besonderes Glück hatte ein Jugendlicher, der in der Betreuungseinrichtung Traiskirchen an einem „Trace the Face“-Plakat vorbeiging. Auf diesen sind Bilder der Menschen zu sehen, die Angehörige suchen. „Er rief: Das ist meine Schwester!“, erinnert sich Birgit. Auch diese Geschichte endete mit einem Wiedersehen.
Jene Fälle, bei denen die Angehörigen bereits in Österreich sind, sind meist leichter lösbar. Schwierig ist die Suche Vermisster in Gebieten mit schlechter oder nicht vorhandener Infrastruktur. „Menschen aus Somalia verlieren den Kontakt zu ihren Angehörigen im Herkunftsland aufgrund schlechter technischer Verbindungen. Selbst wenn sie wissen, wo jemand ungefähr lebt, ist es nicht immer möglich, den genauen Standort zu ermitteln“, berichtet Zaneta. Abgenommene, verlorene oder kaputte Handys, auf denen Kontakte gespeichert waren, erschweren die Suche ebenfalls.
Ein Mädchen aus dem Kongo sucht noch immer nach ihrer Familie. Ihr Onkel verhalf ihrer Mutter und ihr zur Flucht. „Ihre Mutter wurde auf der Flucht verhaftet, sie selbst kam nach Österreich. Da sie immer im Umfeld ihres Zuhauses war, kann sie nur in etwa das Gebiet bestimmen, in dem sie gelebt hat. Hinzu kommt, dass nur bestimmte Angehörige erfahren dürfen, wo sie ist.“ Birgit, Zaneta und das Mädchen hoffen weiter. „Wir tauschen uns mit den Kolleg*innen vom Roten Kreuz aus. Sie geben nicht auf – und wir auch nicht.
Credit: Trace the Face, Canva