Ein selbstbestimmtes Leben führen, statt sich zu verstecken: Mahin* hofft auf eine Zukunft in Österreich.
Sie durfte nicht zur Schule gehen, nicht arbeiten, nicht allein das Haus zu verlassen, ihr Gesicht nicht zeigen. Es war ihr verboten, etwas zu wollen. Mahin will aber. Sie will selbstbestimmt leben, arbeiten, ihr Gesicht zeigen.
„Woman is nothing in Afghanistan”, sagt die 25-Jährige, die aus einem afghanischen Dorf kommt. Seit fünf Monaten ist sie in der Betreuungseinrichtung Finkenstein untergebracht. In der Einrichtung habe sie viele Freundinnen gefunden, erzählt sie. Sie schminkt die anderen Frauen und macht ihnen die Haare. Vor der Machtübernahme der Taliban hat sie als Make-up-Artist in einem Kosmetikstudio gearbeitet.
„I like it here“, sagt sie, die Mitarbeiter*innen seien sehr nett. Vor allem Einrichtungsleiterin Gabriela N. ist ihr wichtig. Mahin spricht sehr gut Englisch und Türkisch, das hat sie gelernt, damals, als sie nicht außer Haus durften, weil das Taliban Regime die Macht übernahm und jegliche Frauenrechte einschränkt und sie nicht mehr arbeiten durfte.
Doch sie bildete sich weiter, absolvierte übers Handy Online-Sprachkurse, um sich auf ein Leben woanders vorzubereiten, das nicht einem Mann, sondern ihr gehören soll. Für eine junge Frau oder selbst einem minderjährigen Mädchen bleibt in Afghanistan nur ein Weg: zu heiraten. Die Hochzeit erfolgt meist in sehr jungen Jahren und diesem Schicksal wollte Mahin entkommen.
Sie flüchtete. Verließ ihr Heimatland, in dem ihrer Eltern bereits verstorben waren.
Über die Grenze schaffte sie es mithilfe ihres älteren Bruders, der sie in den Iran begleitete. Dort blieb sie fürs Erste, während der Bruder zu seiner Familie nach Norwegen zurückkehrte, wo er bereits zuvor hin geflüchtet war und einen Schutzstatus hatte. Mahin schlug sich allein weiter durch. In der Türkei war sie zweieinhalb Jahre, dort habe sie gearbeitet und schlechte Erlebnisse erfahren. Genaueres will sie nicht erzählen, es war nicht einfach, das ist alles, was sie sagt.
Mit dem Boot ist sie nach Europa gekommen, beinahe wäre sie ertrunken, hätten sie die Leute nicht zurück an Bord gezogen, Leute, die sie nicht kannte und auch nicht wiedererkennen würde, zu dunkel war es und alle gingen nach der tödlichen Überfahrt ihre eigenen Wege.
Mahin schafft es nach Österreich, wo bereits ein weiterer Bruder mit seiner Frau und einem Sohn lebte und Asylstatus hatte. Seit sie hier ist, besucht sie ihren Neffen jeden Tag und passt auf ihn auf, wenn seine Eltern arbeiten. Mahin würde gern in Österreich bleiben, gut Deutsch lernen und Krankenpflegerin werden, das wäre ihr Traum.
Doch aufgrund des damals noch gültigen Dublin-Verfahrens ist Mahins Bescheid negativ. Mit fachlicher Unterstützung der BBU-Rechtsberater*innen will die Frau den Bescheid ankämpfen, schließlich hat sie hier Familienanschluss, ihr Neffe und sie haben sich liebgewonnen. Vielleicht, hofft sie, gibt es eine Chance.
Und dann möchte sie so werden wie Gabriela, wie Mahin sagt: „She is a strong and successful woman. When I see her, it is positive energy to me.” Gabriela lächelt, sie antwortet: “Thank you, but I think you’re the truly strong woman here!”
Damit sie es nie vergisst, erhält sie eine Urkunde der Wertschätzung.“ Darauf steht: „Ihre Persönlichkeit, Ihre Erfahrungen und Ihre Einzigartigkeit bereichern unsere Gemeinschaft und machen unsere Welt menschlicher, stärker und vielfältiger.“
*Um unsere Kleint*innen und Mitarbeiter*innen bestmöglich zu schützen, veröffentlichen wir fingierte bzw. nicht vollständige Namen.