FGM/C (Female Genital Mutilation/Cutting) ist eine brutale Methode, die Mädchen und Frauen vieler Länder betrifft. Die Zahl dieser Praxis steigt weltweit weiter an. Auch unsere Kolleginnen aus der Grundversorgung (GVS) und der Unabhängigen Rechtsberatung (URB) sind damit konfrontiert. Der 6. Februar ist der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung.
200 Millionen Mädchen und Frauen sind weltweit von FGM/C (Female Genital Mutilation/Cutting) also der weiblichen Beschneidung, betroffen – das ist in etwa die Einwohner*innenzahl Brasiliens! Laut EU sind bis 2030 rund 68 Millionen Mädchen der Gefahr ausgesetzt, beschnitten zu werden.
FGM/C bedeutet Female Genital Mutilation/Cutting, es wird aber auch Sunna, Bondo, Exzision, Cut, ختان ألإناث , Gudniinka oder Gabdhaha genannt. Doch egal, welche Bezeichnung es trägt, in jedem Fall ist es eine Menschenrechtsverletzung.
Die Mädchen und Frauen begleiten oft traumatische Erfahrung und körperliche Folgen – solang es nicht behandelt und therapiert wird. Das bemerken auch unsere Kolleginnen vom Haus der Frauen aus der Betreuungseinrichtung (BBE) Traiskirchen. Birgit B. erzählt: „Wir haben erkannt, dass Frauen aus den betroffenen Ländern, wenn sie sich bei uns eingelebt haben, bei Stress in Ohnmacht fallen.“ Das, so erkannten die Kolleginnen, ist eine eingelernte Methode. Eine FGM/C erfolgt ohne Betäubung, andere Frauen müssen das Mädchen festhalten, während die Beschneiderin mit Rasierklingen oder Messer vorgeht.
Die Mädchen fallen dabei häufig in Ohnmacht, um es auszuhalten. „Das tun sie dann auch später in der BBE, wenn sie schon einige Zeit da sind und sich sicher fühlen. Es ist wie bei uns: Wenn wir ganz lang durchgehalten haben und dann entspannt sind, können wir plötzlich krank werden“, sagt Birgit.
Die Mädchen und Frauen gehen unterschiedlich mit dem Thema um. „Dass sie es sofort sagen, dass sie von FGM/C betroffen sind, ist die Ausnahme“, berichtet Birgit. Zaneta C. bestätigt das. „Sobald die Frauen Vertrauen zu uns gefasst haben, erzählen sie davon. Oft passiert das auch auf der Sani-Station, die sie wegen starker Regelbeschwerden aufsuchen.“ Die Kolleginnen gehen mit dem Thema zwar sensibel um, Tabu ist es aber keins. „Wir sprechen offen darüber, drängen die Mädchen und Frauen aber nicht. Ich frage zum Beispiel nach, stelle aber klar, dass sie nicht darauf antworten müssen“, sagt Birgit.
Ganz wichtig ist die Zusammenarbeit mit Organisationen, die Beratungen und Behandlungen anbieten, wie das FEM-Süd. Anlaufstellen gibt es aber auch bundesweit bei den FGM/C Koordinationsstellen.
„Bei den Plattform-Treffen der FGM/C Koordinationsstelle sind wir von der GVS dabei, da der thematische Input sowie der Austausch mit Expert*innen aus dem Fachgebiet für uns sehr wertvoll sind“, erklärt GVS-Expertin Anna-Lena B.
Dabei sind auch die Ansprechpersonen für Frauen & Mädchen vertreten, über die jede BBE verfügt und die sich dem Thema in Schulungen widmen. Auch für das medizinische Personal, die Psycholog*innen und FB2-Leitungen der BBU ist ein E-Learning zum Thema FGM/C verpflichtend.
Auch unser Fachbereich Menschenrechte und die Ansprechstelle Gewaltschutz widmen sich dem Thema und unterstützen die Kolleg*innen bei Fragen und Anliegen dazu.
Da spielt auch die URB eine wichtige Rolle, denn: „Ob eine FGM/C im Herkunftsland durchgeführt wurde oder bei einer Rückkehr (erneut) droht, kann auch im Asylverfahren eine große Rolle spielen“, weiß Olivia Sch., fachliche Leitung Rechtsberatung. „Gerade aus Somalia beraten wir vielen Klient*innen, die von FGM betroffen sind und diesbezüglich nicht ausreichend geschützt werden.“
In der URB stehen die Focal Points Frauen und Kinder anderen Kolleg*innen mit Fachwissen dazu zur Verfügung und führen Beratungsgespräche durch. Diese Rechtsberaterinnen werden zu Formen geschlechtsbezogener Gewalt wie FGM geschult. „So können sie wesentliche Informationen zu erlittenen oder drohenden Verfolgungshandlungen herausarbeiten, die für die Beurteilung der Fluchtgefahr im Verfahren sehr relevant sind“, erklärt Olivia. Birgit weiß aus Erfahrung: „Für viele Frauen und Mädchen ist das Asylverfahren auch der Grund, dass sie über ihre FGM/C-Betroffenheit berichten.“
Auch die URB-Kolleg*innen unterstützen die betroffenen Klientinnen und verweisen sie an spezialisierte medizinische Einrichtungen und Beratungsstellen.
Fachliche Beratung, operative Eingriffe sowie die medizinische Behandlung von Nebenwirkungen, der Austausch mit der Community und Psychotherapien helfen den betroffenen Mädchen und Frauen.
Dass die Beschneidung in Österreich selbst stattfindet, haben Zaneta und Birgit noch nicht mitbekommen. „Nach unserem Eindruck passiert das erst wenn sie nicht mehr bei uns sind“, so die Kolleginnen. Laut Anna-Lena „wird davon ausgegangen, dass FGM/C auch in Österreich praktiziert wird.” Das ist strafbar.
Was sie wichtig finden: „Auch Männer und Burschen müssen zu dem Thema sensibilisiert werden, denn es geht nicht nur Frauen etwas an.“ Darauf weist auch FEM-Süd in den Schulungen immer hin. FGM/C ist kein Frauenproblem sondern ein menschliches Problem, wozu auch Männer (und Burschen) sensibilisiert werden müssen. Deshalb waren bei den letzten Schulungen immer auch Vertreter von MEN, dem Männer-Gesundheitszentrum, dabei.
Birgit hat kürzlich mit einem jungen Vater aus einem betroffenen Land gesprochen, der dem Thema gegenüber sehr kritisch eingestellt war. „Das hat mir Hoffnung gemacht, dass eine neue Generation das anders sieht.“