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Grundversorgung

Die Betreuungseinrichtung Bad Kreuzen vor 50 Jahren

Dagmar Achleitner und ihre Familie waren 1979 in der Betreuungseinrichtung Bad Kreuzen untergebracht. Danach wurde die gebürtige Tschechin Lehrerin für geflüchtete Kinder. Uns hat sie von ihren Erinnerungen erzählt. 

Wir hauten einfach ab“, schreibt Dagmar Achleitner. In ihrem Buch „Der Westen liegt im Süden“ beschreibt sie ihre Flucht und erinnert sich an die Chance, die sich der Familie bot, ohne Vorbereitung das Land zu verlassen.

Das Land war die damalige Tschechoslowakei, deren kommunistisches System Freiheiten entzog und Reisen in den Westen verbot. Durch Europa zog sich ein Eiserner Vorhang, der u.a. zwischen Österreich und der Tschechoslowakei bestand und aus Minen, Hochspannungs-Stacheldraht, Wachtürmen und Panzersperren.

Die Flucht schafften Dagmar, ihr Mann Richard und die damals fünfjährigen Denisa zufällig im Sommer 1979, weil kurz die Grenzen zu Jugoslawien offen waren. Und so standen sie da, in Österreich, wo sie ein neues Leben beginnen wollten.

 

Aber wie lässt sich ein neues Leben beginnen, in einem Land, das anders funktioniert und dessen Sprache man nicht kennt?

„Wir waren eine Nacht in Traiskirchen, dann kamen wir in die Nähe der Betreuungseinrichtung Bad Kreuzen. Die ersten Monate waren wir nicht in der Betreuungseinrichtung, sondern in einem Gasthaus. Es gab so viele geflüchtete Menschen, dass Ausweichquartiere nötig waren.“

Sie hatten ein eigenes Zimmer mit einem Doppelbett. „Das war gut und reichte uns.“ Weniger Glück hatte die junge Familie mit dem Wirt.

„Er war sehr sparsam, um nicht zu sagen geizig. In anderen Gasthäusern waren die Leute wiederum freundlich, aber wir hatten mit unserem eben Pech.“

Doch Dagmar, ihr Mann und ihre Tochter ließen sich nicht entmutigen. Nachdem andere Familien aus den Bundesbetreuungseinrichtungen in die Landes-Grundversorgung kamen, zogen sie in die in die BBE Bad Kreuzen. Das Leben in der Betreuungseinrichtung war nicht luxuriös, doch Dagmar fand sich zurecht. Das lag vor allem daran, dass die Mitarbeiter*innen freundlich und hilfsbereit waren. 

„Das Essen war sehr gut, alles lief geordnet ab, wir konnten zum Beispiel die Wäscherei benutzen, dafür mussten wir jedes Kleidungsstück nummerieren. Ich kann mich noch genau erinnern, wir hatten die Nummer 35.“

In der Zeit brachte Dagmar ihre zweite Tochter, die sie ebenfalls Dagmar tauften, im Krankenhaus Amstetten zur Welt. Das Kind verbrachte einen Großteil des ersten Lebensjahrs in der Betreuungseinrichtung.

„Ich habe in den Klassen für die geflüchtete Kinder unterrichtet. Je nachdem wie viele Kinder es waren, gab es ein bis drei Klassen. Wir waren in der Volkschule integriert und hatten ganz normalen Unterricht nach Stundenplan mit Mathematik, Zeichnen, Turnen, Deutsch. Und ganz wichtig: Wir mussten mindestens einmal pro Tag laut lachen.“ 

Dagmar absolvierte die pädagogische Hochschule in Linz und wurde Klassenlehrerin. „Viele dachten, ich hätte das gemacht, um nicht mehr in den Klassen für geflüchtete Kinder zu unterrichten. Aber das stimmte nicht, ich wollte bleiben. Ich hatte Verständnis für sie und konnte ihre Geschichten, ihre Gefühle nachvollziehen.“

Begleitlehrerinnen standen Dagmar stundenweise zur Seite. Mit ihren Kolleg*innen besuchte sie auch einmal die Betreuungseinrichtung. „Dadurch haben sie viel mehr Verständnis für die Kinder bekommen.“ Zu ihrem Job gehörte auch Elternarbeit. „Die war oft schwieriger als der Unterricht für die Kinder.“

33 Jahre blieb sie ihrem Beruf treu, dazwischen absolvierte sie ein Masterstudium in Berlin.

Die Zusammenarbeit mit der Betreuungseinrichtung funktionierte am Beginn am besten, später gab es Schwierigkeiten. Die BBU erlebte Dagmar nicht mehr, sie war bis 2019 Lehrerin. Dass sich die Akzeptanz gegenüber den geflüchteten Menschen änderte, fiel auch Dagmar auf.

„Das hat viel damit zu tun, dass die Menschen und ihre Kultur anders wahrgenommen wurden. Die Leute aus Osteuropa waren ihnen ,näher‘ gewesen.“

Dagmars Töchter absolvierten die Schule in Österreich problemlos, Denisa ist ebenfalls Volkschullehrerin geworden. „Sie hat alles geschafft, obwohl sie die Sprache am Anfang nicht kannte, bis zum Diplom“, sagt Dagmar stolz.

"Die Betreuungseinrichtung war seit 1957 im Betrieb. In dieser Zeit wurden hier tausende Menschen aus vielen Ländern der Welt untergebracht – Österreich war immer großzügig und gewährte ihnen Hilfe. In den letzten Jahren ist eine starke Änderung spürbar, nicht nur in Österreich. Mir und meiner Familie bot sie einen sicheren Hafen in einer schwierigen Zeit.“

Dagmar Achleitner: „Der Westen liegt im Süden“, Buchschmiede 2026, ist im Online-Buchhandel erhältlich

Credits: Daniel Astner, privat

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